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Pfarrer Christian Bernhardt

Ein Blick auf meinen Beruf, auf mein Selbstverständnis als Pfarrer?
Am ehesten können es vielleicht die Worte »Wirklichkeit und andere Wirklichkeit« fassen. Auf der einen Seite erlebe und beobachte ich gern die Wirklichkeit, der wir täglich ausgesetzt sind, in der wir unsere kleinen Siege feiern, unsere Niederlagen erleiden und unsere Wunden lecken. Alltag. Da – so wage ich zu behaupten – ist mir nichts Menschliches fremd; und trotzdem erlebe ich mich oft auch in der Rolle des zurückgelehnten Beobachters.
Neben die alltägliche Wirklichkeit gehört für mich aber immer auch diese andere Wirklichkeit. Die ist für mich nicht festgelegt. Sie beginnt manchmal bei der Wanderung des Lichts auf dem Teppich, bei Musik, am Meeresufer im Süden, mit Unwiderstehlichkeit beim Klang eines einmotorigen Flugzeugs am Himmel, auf Reisen mit meiner Jungen Gemeinde, und ganz bestimmt auf dem Motorrad abseits des Asphalts.

»Spannung ist alles und Entladung. Und höchste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen.«

So sagte das Christian Morgenstern. Und so erlebe ich das auch mit der alltäglichen Wirklichkeit und dieser anderen Wirklichkeit. Wenn beide aufeinandertreffen, wenn es von Wirklichkeit zu Wirklichkeit kommt, entlädt sich die Spannung zwischen ihnen. Manchmal ist es, als würde die andere Wirklichkeit in den Alltag hineinschleichen; manchmal auch, als würde sie hineinplatzen. Nie ist es ohne Wirkung. Manchmal ist es verstörend. Meistens aber ist es belebend – zutiefst empfundenes Leben, wenn sich die Spannung von Wirklichkeit zu Wirklichkeit entlädt.

Aus diesem Erleben heraus hat sich in den letzten Jahren mein Selbstverständnis als Pfarrer und damit auch mein Predigtstil verändert.
Nach einer ersten Phase, in der meine Predigten wahrscheinlich weitestgehend lehrhaft waren, schloss sich eine zweite an, in der ich mein zentrales Augenmerk auf der Sprache hatte: Glaube möglichst einfach und in überraschend alltägliche Sprache zu fassen – ihn so in das normale Leben hereinzuholen.
Natürlich bleibt dieses Anliegen bestehen. Und doch merke ich, wie in den letzten Monaten noch ein anderes Augenmerk ins Zentrum drängt: diese gerade beschriebene Entspannung. Zur Zeit erlebe ich Gottesdienst und insbesondere Predigt dann als gelungen, wenn ich den Eindruck habe, dass sie uns (die Besucher und mich) in die andere Wirklichkeit entführen konnte(n). Das gelingt natürlich nur manchmal. Mindestens genau so wie von mir, hängt dieses Gelingen auch von den Besuchern des Gottesdienstes ab. Aber wenn es gelingt, dass wir für eine viertel Stunde miteinander in eine andere Wirklichkeit eintauchen, dann ist es ein Erlebnis, dann ist das – im oben beschriebenen Sinne – Ent-Spannung. Und das Beste ist, dass ich dann niemand mehr belehren muß, was die Bibel meint oder was ich dazu meine. Sondern die andere Wirklichkeit tut ihrem Namen alle Ehre und: wirkt. Da brauche ich nicht mehr in der Hand zu haben, was und wie sie wirkt.

 
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